12.04.2018

"Gravierender Einschnitt in das Gefüge der deutschen Handwerkswirtschaft"

Vor 14 Jahren wurde die Handwerksordnung (HwO) novelliert. Seither muss für die Mehrzahl der Gewerke keine berufliche Qualifizierung mehr nachgewiesen werden, um sie als selbstständiges Gewerbe auszuüben; sie sind zulassungsfrei. Entgegen dem vermeintlichen Erfolg der HwO-Novelle, dass dadurch ein Existenzgründungsboom entstanden sei, ordnet eine neue Studie des  ifh Göttingen die Folgen der HwO-Novelle kritisch ein und nennt sie einen "gravierenden Einschnitt in das Gefüge der deutschen Handwerkswirtschaft".

Die Untersuchung zeigt, dass Vieles, was im Segment der zulassungsfreien Berufe der HwO-Novelle zugeschrieben wird, auf andere Einflussfaktoren zurückzuführen ist, wie z. B. Nachfrage- und Angebotsbedingungen. Die ifh-Studie hat vier Indikatoren herausgearbeitet, an denen sich die Folgen der Trennung in zulassungspflichtige und -freie Berufe festmachen lassen: Die Zahl der Meisterprüfungen und die der Neugründungen, die Überlebensrate der Gründungen und die Unternehmensgrößenstruktur. Für die beiden letztgenannten Indikatoren macht die Untersuchung einen Trend zu kleineren, häufig nicht lange am Markt bestehenden Betriebseinheiten aus. Das zeige sich auch in dem gestiegenen Anteil an Soloselbstständigen. Die Erträge dieser Betriebe sind meist relativ gering.

Eindeutig auf die HwO-Reform sei der Rückgang der Meisterzahlen zurückzuführen, wird in der Studie betont. Der Meisterbrief ist in allen zulassungsfreien Handwerksberufen als Zugangsvoraussetzung zur Selbstständigkeit weggefallen. Entsprechend sinkt der Anreiz, die Meisterprüfung abzulegen. Die Folgen für die handwerkliche Wirtschaftsstruktur bedürfen jedoch weiterer Forschung. Etwa zu der Frage, welche Auswirkungen die vielen Unternehmensneugründungen von gering qualifizierten Inhabern auf die Güte handwerklicher Arbeit haben. Außerdem ist zu untersuchen, ob die vielen Soloselbstständigen in den zulassungsfreien Handwerken noch nennenswert zur Innovationsleistung im Handwerk beitragen können, und ihnen eine Teilnahme an einem Qualitätswettbewerb noch möglich ist.

Auch die Auswirkungen der HwO-Reform für die Humankapitalbildung im Handwerk und ihre Folgen für die Funktionsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft sind noch nicht klar ermittelt. Die Studie zeigt bereits, dass in den zulassungsfreien Handwerkszweigen die Ausbildung von handwerklichem Nachwuchs teilweise deutlich zurückgegangen ist. Da nicht nur die Handwerksbetriebe selbst, sondern weite Teile der Industrie auf die Facharbeiterausbildung im Handwerk angewiesen sind, könnte sich die Frage nach den Auswirkungen der HwO-Deregulierung schon bald neu im Kontext des Fachkräftemangels stellen, argumentiert die aktuelle Untersuchung des ifh Göttingen.

Die Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen "Neue Daten zu den Auswirkungen der Teilderegulierung des Handwerks 2004", von Klaus Müller, ist erschienen als Heft 19 der Schriftenreihe "Göttinger Beiträge zur Handwerksforschung", 68 Seiten, ISSN 2364-3897.

Ansprechpartner: Dr. Till Proeger Tel.: 0551-3917-4884 E-Mail: till.proeger@wiwi.uni-goettingen.de