26.06.2018

Handwerk ist durch Erfahrung innovativ!

Im Rahmen einer Studie beschäftigte sich das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk (ifh) in Göttingen mit dem Zusammenhang von Erfahrungswissen und Innovationen in traditionellen Handwerksbereichen. Mittels einer Anreiz-Hemmnis-Analyse wurden innovationsfördernde und -hemmende Faktoren im handwerklichen Institutionengefüge identifiziert. Die Studie zeigt, dass das Erfahrungswissen der einzelnen handwerklichen Könner die zentrale Innovationsgrundlage bildet. Da sich Handwerker solches Wissen vorwiegend im Zuge gemeinschaftlicher Lernprozesse in ihren verschiedenen beruflichen Stationen aneignen, kommt die neue Untersuchung des ifh Göttingen zu dem Schluss: Wer auf den Austausch mit anderen (handwerklichen) Wissensträgern verzichtet, bringt sich um wichtige Innovationspotenziale und damit langfristig um betriebliche Wettbewerbsfähigkeit.

Zwei verschiedene Bereiche, in denen erfahrungsbasiertes Lernen und Innovieren besonders stark ausgeprägt sind, wurden näher untersucht: der traditionsreiche Orgelbau und der erst seit den 1980er Jahren wiederbelebte Lehmbau. Dabei konnte zum einen offengelegt werden, welche institutionellen Rahmenbedingungen in den beiden Gewerken Einfluss auf Innovationsprozesse nehmen, wozu vor allem interaktive Kundenbeziehungen und wissensteilende Netzwerke zählen, da sich Innovationen stets im Kontext zwischenmenschlicher Interaktionen entwickeln. Zum anderen konnten innovationsförderliche Institutionen zur Wissensteilung im deutschen Handwerk identifiziert werden, wie etwa das duale System mit seinen Lernorten, die im Idealfall auch Interaktionsräume bereitstellen. In den vergangenen Jahren weisen handwerkliche Betriebe als die bedeutungsvollsten Interaktionsräume allerdings Tendenzen auf, die die Lern- und Innovationsprozesse mittel- und langfristig negativ beeinflussen könnten. Die Interaktionsmöglichkeiten nehmen ab und die zwischenbetriebliche Kooperation kompensiert diese Entwicklungen bislang nicht ausreichend. 

Aus diesen Erkenntnissen werden Empfehlungen für eine auf die Bedürfnisse von Handwerksbetrieben abgestimmte Innovationsförderung abgeleitet, wie die Förderung und Etablierung von neuen überbetrieblichen Interaktionsräumen im Handwerk. Diese sollten weitgehend wettbewerbsneutral und offen zugänglich sein, um die Innovationspotenziale auszuschöpfen. Gelingt die Etablierung der Interaktionsräume in der Praxis, kann im Handwerk auch weiterhin gelten: Aus Erfahrung innovativ!

Die Studie von Benjamin W. Schulze und Jörg Thomä wurde im Rahmen des  vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts "Objekte der Könner. Materialisierungen handwerklichen Erfahrungswissens zwischen Tradition und Innovation (OMAHETI)" erstellt. Sie  erscheint unter dem Titel "Aus Erfahrung innovativ! Der Lern- und Innovationsmodus im Handwerk – Am Beispiel von Orgel und Lehm" als Heft 20 der Schriftenreihe "Göttinger Beiträge zur Handwerksforschung", 91 Seiten, ISSN 2364-3897 und ist hier abrufbar.

Ansprechpartner:
Benjamin W. Schulze
Tel.: 0551-3917-4882
E-Mail: benjamin.schulze(at)wiwi.uni-goettingen.de